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Essay (auszugsweise)
Mit hundert war ich noch jung
 

Mit hunder war ich noch jung - Die ältesten Deutschen
 
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Günter Kunert

Schier hundert Jahre bist Du alt
(Unorthodoxe Gedanken zum Thema)

Günter Kunert
Günter Kunert

Mit hundert Lebensjahren wird man zum Ausstellungsstück, teils bestaunt, teils bedauert, weil die Gebrechlichkeit unüber-sehbar ist. Dem Hundertjährigen eignet etwas Fragiles. Für den Umgang mit ihm sind Samthandschuhe angebracht. Und wenn man ihn fragt, wie er diese Dauer-haftigkeit geschafft hat, wird man kein allgemeingültiges Rezept zu hören be-kommen. Der eine beruft sich auf Tabakabstinenz, der andere auf ein tägliches Gläschen Alkohol, ein weiterer auf viel frische Luft, auf Wanderungen, auf gesunde Ernährung.

Also: Wie wird man wirklich hundert Jahre alt?

Heute verweisen Sachverständige auf die genetische Disposition. Ist Altwerden erblich? Glücklich darf sich schätzen, wer bis zu seinem letzten Atemzug von physischen und psychischen Defekten einigermaßen verschont geblieben ist. Doch solche "Vorzugsbehandlung" durch das Schicksal oder den Zufall erleben die Wenigsten. Dem Gros der Leidenden, der chronisch Kranken und Altersdepressiven steht eine Minderheit gut gelaunter Greisinnen und Greise gegenüber, die sich, was mit Sicherheit zur Daseinsverlängerung beiträgt, über den Tod keine Gedanken machen. Dass der Mensch geboren werde, um zu sterben, und sich keiner vor seinem Ende glücklich schätzen könne, wie der Philosoph meinte, spielt bei den Ausnahmefällen keine Rolle.

Günter Kunert
Günter Kunert zu Hause in Kaisborstel, 2000
Wie intensiv Befürchtungen, Ängste und Sorgen körperliche Auswirkungen haben könne, ist bekannt. Die Phrase vom "Selbstmord aus Angst vor dem Tode" enthält, wie so viele Klischees, eine unwiderlegliche Wahrheit. Die Statistik weist nach, dass sich viele alte Leute aus ihrer kerkerartigen Einsamkeit, aus der zunehmenden Fremdheit einer immer unverständlicheren und immer brutaleren Welt ins Jenseits flüchten. Eine gewisse seelische Robustheit scheint die Vorbedingung für das hohe Alter zu sein. Eventuell sogar, um einen Buchtitel des Psychologen Alexander Mitscherlich zu zitieren, "Die Unfähigkeit zu trauern". Hilfreich jedenfalls ist das "heitere Gemüt". Zahllose Menschen werden mit ihren negativen Erfahrungen nicht fertig und quälen sich endlos ab und in die psychosomatischen Folgen hinein. Längst wissen wir ja, was der sogenannte "Leidensdruck" in uns anzurichten vermag.

Also: Wie wird man hundert Jahre alt?

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Günter Kunert, 1929 in Berlin geboren, lebt in Itzehoe.
Im Hanser Verlag sind seit 1963 zahlreiche Lyrikbände, Prosastücke und Essays erschienen, zuletzt: Fremd daheim (Gedichte, 1990), Die letzten Indianer Europas. Kommentare zum Traum, der Leben heißt (Essays, 1991), Der Sturz vom Sockel (Feststellungen und Widersprüche, 1992) Im toten Winkel (Ein Hausbuch, 1992), Baum. Stein. Beton. (Reisen zwischen Ober- und Unterwelt, 1994), Mein Golem (Gedichte, 1996), Erwachsenenspiele (Erinnerungen, 1997) und Nacht-Vorstellung (Gedichte, 1999)

 
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