“Es gibt Grenzen unserer Macht.”
Es ist für mich ungemein schwierig, nun noch einmal zu einem
100. Geburtstag der Öffentlichkeit gegenüber eine Art
Rückblick zu geben. So frage ich mich heute nur, wieweit
die letzten fünf Jahre wesentlich neue Gesichtspunkte für
meinen Rückblick auf mich selbst beigetragen haben.
Wohl selten ist die abendländische Kultur zu einer solchen
globalen Ausdehnung genötigt worden, wie es inzwischen mehr
und mehr der Fall ist. Da hat man eine Art Europa gebildet und
weiß doch zugleich, dass es um etwas anderes geht, als um
solch einen Teil des Ganzen der heutigen Menschheit. Die Erfahrung
der letzten fünf Jahre lehrt überdies, wie schwer es
ist und bleiben wird, die verschiedenartigen Kulturen und Länder
zu einem gemeinsamen Denken zu bewegen.

Der Gymnasiast Gadamer.
Für eine wirkliche Integration in die Zugehörigkeit zu einem solchen großen politischen Gebilde wie Europa zeigen wir uns in kritischen Augenblicken immer wieder in außerordentlicher Verlegenheit. Das hat sich selbst bei dem Versuch erwiesen, das Auseinanderfallen des früheren Balkan durch Einbeziehung unserer eigenen Kräfte und Interessen zu kontrollieren.
Es hat etwas Beunruhigendes, zu sehen, wie eine Koexistenz von
uns verlangt wird und wie wir gleichzeitig eine Ausspielung von
Gewalt antreffen. Wer eigene Lebenserfahrungen gemacht hat, wird die Fragwürdigkeit
empfinden, wenn ihm allzu große Regelungen unseres Verhaltens
zugemutet werden. Es gibt Geheimnisse, die der Macht des Machenkönnens
widerstehen. Dazu gehört die Unheimlichkeit des Todes. Kürzlich
habe ich schon einmal in einem Aufsatz darauf hingewiesen, ob
das berühmte Thema des Wissens um das sichere Datum unseres
Todes einem Menschen zugemutet werden kann, ohne seine Lebenskraft
zu brechen. Da hat man sich auf amerikanische oder andere Einrichtungen
der statistischen Errechnung und Vorausschau der Todesdaten berufen,
aber muss man sich nicht fragen, wie das für die Menschen
im Ganzen, für ihre Ängste und für ihre Hoffnungen
und damit für unsere Lebenskraft wirken würde, wenn
es allgemein würde? Es hilft nichts, wenn man da alles einer
Regelung unterwirft, in der man sich zu bewegen genötigt
sieht. So sind es gerade die Grenzen unserer Macht, an die wir
stoßen. Beginnen wir mit der Rolle der Familie und der Schule.
Ich war gerade vier Jahre geworden, als meine Mutter starb. Der
Tod meiner Mutter war ein jahrelanges Siechtum, das über
meinen frühen Kindheitsjahren wie ein Schatten liegt.
1906 begann mein erstes Schuljahr in Breslau, wohin meine Eltern
gezogen waren. Der Lehrer war zwar etwas grob und warf einem manchmal
die Kreide an den Kopf, wenn man nicht recht aufpasste. Aber das
hat nur andere, nicht mich getroffen. Nur, als ich deutsche Grammatik
auswendig lernen sollte: ich, meiner, mir, mich usw., das wollte
mir gar nicht gelingen. Inzwischen hatte ich meine treffliche
Stiefmutter, eine Schulfreundin meiner verstorbenen Mutter, was
offenbar auch mit meinem Vater schon vereinbart war. Nach einigen
Jahren gab mein Vater die Privatwohnung im Institutsgebäude
für Pharmazeutische Chemie auf, weil er die Räume benötigte.

Während des Interviews mit Prof. Dr. Gadamer.
Wir zogen in eine große schlossartige Villa mit einem
riesigen Garten, und auch sonst war alles voll von neuen Wundern:
Statt Gaslicht gab es elektrisches Licht, die Zimmer wurden mit
riesigen Kachelöfen bis an die Decke beheizt, und es gab
sogar ein Telefon im Haus. Nummer 7756, die einzige Telefonnummer,
die ich nach so vielen Wechseln noch weiß. So siegt die
Kindheit jetzt über die reiferen Jahre.
Mit der Schulzeit begann der Abschied vom Spiel, und mit dem Schulwissen
meldeten sich die eigenen Interessen, so dass ich Freude am Lernen
hatte. Nur was einem Freude macht, wird man im Rückblick
als eigene Erfahrungen begrüßen. Da habe ich zu berichten,
dass ich sehr früh schon Freude an Dichtung hatte.
Ich war etwas mehr als zwölf Jahre alt, als ich von einem
uns Kinder begleitenden Lehrer den Namen Stefan George hörte,
der mit gedämpfter Anerkennung genannt wurde. Daraufhin begann
ich mir ein bisschen Geld zu sparen, indem ich meinen Schulweg
nicht über die Straßenbahn nahm, sondern zu Fuß
ging. Von dem so ersparten Geld kaufte ich mir dann ein Reclam-Buch
zur modernen Lyrik.
In der ganzen Kriegszeit hatte ich schon durch Theater und Lektüre
eine gewaltige Menge gelesen, insbesondere Shakespeare und die
Klassiker. Aber auch Dante gehörte dazu.
Ich fand bald Anschluss an Studenten und Studentinnen, die den
gleichen Schulweg hatten. Ihnen verdanke ich eine für mich
ganz wichtige Lektüre, das kleine Buch von Theodor Lessing
mit dem Titel “Europa und Asien”. Da wurde mit kritischer
Schärfe das Europa beherrschende Leistungsethos behandelt.
Zum ersten Male hörte ich etwas von andersartigen Kulturen
in Asien und ohne Leistungsethos. Elternhaus und Schule hatten
Leistung als eine Selbstverständlichkeit verlangt. Etwa gleichzeitig
las ich von Thomas Mann ”Betrachtung eines Unpolitischen”,
die meine politischen Interessen belebte, insbesondere, als dann
auch die Studentenschaft politische Vorträge organisiert
hatte, in denen einige hervorragende Redner die Parteien der neuen
Republik zur Darstellung brachten.
An der Universität besuchte ich vor allem die Vorlesungen
zur Germanistik und zur Geschichtswissenschaft.
Aber bald entdeckte ich einen Lehrer der Philosophie. Richard
Hönigswald, der ganz ohne Pathos, allein durch seinen Scharfsinn
und seine Nähe zu den Sachen selber, mich plötzlich
faszinierte. Auf einmal wusste ich: Das will ich können.
Es war zugleich das Ende meiner Breslauer akademischen Erinnerungen,
weil mein Elternhaus von Breslau nach Marburg verlegt wurde. Und
nun geriet ich in eine ganz philosophische Luft zwischen Kunst
und Philosophie.
Das war freilich alles wenig im Sinne meines Vaters. Er erhoffte
von mir, ich würde so wie er selber in den Naturwissenschaften
etwas für das ganze Wohl der Menschheit Nützliches schaffen.
Ich gab mir die allergrößte Mühe, bei meinen Lehrern,
Paul Natorp und Nikolai Hartmann, philosophische Forschung
zu lernen, und konnte mit 22 Jahren bereits nach gründlicher
Lektüre von Plato mit einer Dissertation den Erfolg meiner
Studien beweisen.
Gerade in dieser Situation erkrankte ich an Kinderlähmung,
die damals in der hessischen Gegend eine wahre Epidemie war. Immerhin,
ich habe es überlebt.

Das Ehepaar Gadamer um 1950.
Als ich in Freiburg meine Studien bei Husserl und Heidegger
fortsetzte, war das wie ein neuer Anfang. Ich verdankte der scharfen
Kritik Heideggers, dass ich nun zu meinen Plato-Studien und Aristoteles-Studien
eine gründliche klassisch-philologische Ausbildung suchte.
So kam es, dass ich etwa nach vier Jahren mein Staatsexamen für
das höhere Lehramt ablegte und wiederum sehr bald danach
mich in Philosophie habilitieren konnte. Ich habe dann meine philosophischen
Studien in den kritischen dreißiger Jahren ganz auf die
griechische Philosophie konzentriert.
Es würde zu weit führen, wie das aussah und ebenso wie
ich schließlich nach Leipzig kam und nach dem Ende des Dritten
Reichs nach Frankfurt und dann hier nach Heidelberg.
Als ich den Ruf nach Heidelberg erhielt, war das keine völlige
Überraschung. Ich hatte schon seit längerem durch den
Umgang mit Heidegger, aber auch durch die Arbeiten von Jaspers
meine eigenen Forschungsideen entwickeln gelernt. Freilich musste
man auch jetzt vieles nachholen, was in normalen Zeiten selbstverständlich
gewesen wäre. Die Generation, der ich angehörte, war
ja noch nie wirklich über die Grenzen Deutschlands hinausgekommen.
Es gelang mir, die schweren Folgen der zwei Weltkriege langsam
auszugleichen.
Der Kontakt mit den Studenten fiel mir nicht schwer, wenn ich
auch so anders war als mein Vorgänger. So sagten sie damals,
Jaspers habe zu allem eine Antwort gegeben. Ich hätte zu
jeder Frage am Ende immer “das weiß ich nicht”
gesagt. Aber solches Denken über offene Fragen war auf die
Dauer der richtige Weg zur Philosophie. Die Studenten übten
geradezu einen Druck auf mich aus, der wohl auch von anderer Seite
kam, dass ich auch einmal ein größeres Buch vorlegen
müsste. So begann ich die nächsten zehn Jahre mit der
Vorbereitung auf ein solches Buch. Als meine lang vorbereitete
Arbeit 1959 vollendet war, entschieden wir uns schließlich
für den Titel “Wahrheit und Methode”, weil der
Begriff der “Hermeneutik” meinem Verleger noch zu unbekannt
schien. Die Reaktionen auf das Erscheinen meines Buches lehrten
dann aber bald, dass der Begriff der Hermeneutik bekannt werden
würde. Damals dachte ich mir noch, dass es überhaupt
keine zweite Auflage geben würde, zumal es immerhin 5000
Exemplare waren. 1964 wurde dann eine zweite Auflage fällig,
usw.
Da Philosophie ja kein Schulfach ist, gingen manche Unruhen an
uns Philosophen vorbei, die durch die sogenannten Achtundsechziger
anderswo Schwierigkeiten bereiteten. Leider wurde ein solcher
Fall auch in unserem Fach fühlbar und endete mit dem Selbstmord
des angegriffenen Dr. van der Meulen. Ich selber wurde nach meiner
Emeritierung zunächst durch die Präsidentschaft der
Akademie festgehalten, aber ich wagte doch bald eine erste Reise
nach Übersee.
Bei allem Reichtum an Erfahrungen und Anregungen, die ich in
meiner Stellung in Heidelberg fand, fehlte eben doch das, was
spätere Generationen schon in jüngeren Jahren kennenlernten,
nämlich die Philosophie der anderen Länder und anderen
Sprachen. So holte ich das Versäumte nach, indem ich bis
in die achtziger Jahre regelmäßig je ein Herbstsemester
in den Vereinigten Staaten und vier Jahre in Kanada (in McMaster
und Toronto) verbrachte. Zum Glück konnte ich gut Französisch.
Aber ich hatte erst einmal mein Englisch zu verbessern, das unter
diesen Umständen etwas amerikanisch klang. Aber es öffnete
sich damit im Laufe der Jahre, in denen ich nicht mehr durch Vorlesungspflichten
in Heidelberg festgehalten war, ein weiter Horizont, und ich begann
meine Reisen in Europa, insbesondere mit der französischen
Sprache.
Mit den nahenden 90er Jahren war ich aber gleichzeitig mit dem
Aufbau der schließlich auf 10 Bände angewachsenen Ausgabe
meiner Gesammelten Schriften beschäftigt. Auch diese Publikation
brauchte ihre zehn Jahre.
So fand sich in der Tat eine treue Schülerschaft, die nicht zuletzt von jüngeren Kollegen gebildet war, die ehedem meine Studenten gewesen waren.

Das Ehepaar Gadamer im Arbeitszimmer.
Meine Begegnung mit ihnen enthält immer wieder neue Anstöße für die eigene Arbeit. Das gilt auch noch für die in Amerika gewonnenen Schüler.
Im Jahre 1995 ist der letzte Band der Ausgabe erschienen, der zugleich einen Rückblick auf das Ganze erleichterte.
Seitdem habe ich mich etwas mehr der schwierigen Aufgabe gewidmet,
die ich selber aus meinen Erfahrungen als besonders dringlich
empfand. Es ging und geht ja darum, in den sogenannten höheren
Schulen eine Allgemeinbildung zu vermitteln und den Übergang
zu den Hochschulen zur gründlichen wissenschaftlichen Ausbildung
vorzubereiten. Damit war zugleich für die heranwachsende
Jugend eine gewisse Erweckung von Interessen verbunden. Im Grunde
kommt es dabei nicht so sehr auf das schon früher in der
Schulzeit erworbene Wissen an, sondern auf die Freude am Lernen,
die man für die Studienfächer an der Universität
mitbringen muss. Die eigentliche Aufgabe der höheren Schule
ist nicht primär die wissenschaftliche Ausbildung, sondern
die Weckung der Lust zum Lernen. Freilich ist die Philosophie
nicht mit anderen Berufen zu vergleichen. Wer weiß schon,
was unter dem Titel Philosophie auf ihn wartet und was er an wissenschaftlicher
Forschung dafür treiben muss.
Es ist nicht ganz leicht, den Übergang von der Schulzeit
zu der Spezialisierung der akademischen Jahre zu finden, ohne
enttäuscht zu sein. Man missversteht die Philosophie, wenn
man darin ein Fach wie jedes andere zu sehen meint. Sie kann nicht
irgendeine andere Wissenschaft ersetzen. Diesen Rat muss ich jedem
Anfänger geben.
(Prof. Dr. Gadamer schrieb anlässlich seines 100.Geburtstages
einen Aufsatz, der hier mit freundlicher Erlaubnis des Autors
in Auszügen wiedergegeben wird.)

