Hans-Joachim Gundelach
Leseprobe aus "Der steinerne Gast"

Nachdem der Fotograf seine Kamera aufgestellt hatte, öffnete
er seine Reisetasche, holte eine leicht angeschlagene Goethebüste
hervor und bat mich, sie in meinem sonst karg eingerichteten Raum
aufzustellen. Der ungebetene Gast aus Gips irritierte mich.
Ob das denn nun wirklich sein müsse, fragte ich ihn. Es musste.
Egal. In Weimar ist sowieso alles irgendwie mit Goethe, und in
diese Stadt wollte ich ja schon immer, seit ich als Student eine
Woche lang in Buchenwald war ...
Weimar gilt als Spießer-Stadt, aber Spießer gibt es
auch in Tokyo und New York. Die Vergangenheit, die für viele
erdrückend ist, gibt auch Sicherheit. Nicht , um bürgerlich
zu schlafen, sondern, um Visionen zu träumen und zu denken.
Ich sehe Weimar als eine Stadt, deren wirklich große Zeit erst kommt. Da nehme ich den Gipskopf hin.

Das Haus von außen.
Wenn ich wieder allein bin mit dem italienischen Holzbett, das mir das heilige Maß der Klassik täglich vor Augen führt, und mit dem finnischen Sessel, der mich seit 1967 in jede neue Stadt begleitet, dann denk´ ich an Weimar in der Nacht und auch am Tag und was man alles aus Weimar machen könnte.


