"Mit hundert war ich noch jung"
Nach der heißen Dusche geht´s dann unter die kalte.
Haferflocken, Traubenzucker und heiße Milch darüber, zwei
Zwieback mit Butter, zwei Löffel Honig und eine Tasse
Kakaomilch. Dann gehe ich in die Druckerei zu Fuß, das sind
achthundert Meter. Man muss doch in Bewegung bleiben! In der
Druckerei lese ich vormittags noch die Korrekturen und setze Plakate,
wie ich das schon seit fünfzig Jahren gemacht habe. Am
Nachmittag bin ich daheim und lese die Zeitung.
Ich bin Ur-Saalfelder. Ich hatte zwei Brüder. Mein Vater war
Schlosser in einer Nähmaschinenfabrik, und weil meine Mutter
Schneidern gelernt hat, waren wir nicht die Ärmsten. Als
Schuljunge habe ich Zeitungen ausgetragen. Als ich dann 1911 aus der
Schule gekommen bin, lernte ich Buchdrucker. Kaum war ich Geselle,
musste ich in den Krieg. Das war die schlimmste Zeit.
In Flandern lagen wir wegen des Grundwassers auf dem flachen Land, im
Schlamm. Aber ich hatte immer einen Schutzengel.
In den zwanziger Jahren habe ich auch in Rumänien als
Buchdrucker gearbeitet. Ich bin durch die Karpaten gewandert, das hat
mir viel gegeben. Meine Freundin kam dann aus Saalfeld nach, und wir
haben in Bukarest geheiratet.
Als wir 1925 wieder nach Saalfeld kamen, habe ich mich
selbständig gemacht mit einem bisschen alten Maschinenkram.1926
wurde unser Junge geboren, er ist später aus dem Krieg nicht
mehr zurückgekommen. Wir haben dann ein Kind angenommen und
großgezogen.

Kurt Ost in seiner Druckerei bei der täglichen Arbeit.
Ich musste bei den Nazis auch wieder in den Krieg. Weil ich Soldat war, haben sie mir aber wenigstens die Druckerei nicht ausgeräumt. Damals wurden überall die Motoren rausgeholt, und das Blei wurde für die Granaten gebraucht.
Nach dem Krieg hat man uns das Druckereigebäude weggenommen, wir
waren nur noch die Mieter. Aber wir haben durchgehalten! Ich habe
mein Leben lang nur anständige Sachen gedruckt. In den 50er
Jahren konnte ich mir sogar ein Auto kaufen, einen EMW aus Eisenach,
den ersten mit Vollsichtscheibe.
Seit 1961 ist die Druckerei wieder ein Familienbetrieb, mein
Schwiegersohn und meine zwei Enkel arbeiten mit. Wir verstehen uns
sehr gut, und das macht mich glücklich. Im Jahre 1997 haben wir
das Druckereigebäude wieder zurückkaufen können.
Der Rennsteig hat es mir angetan. Ich liebe die herrlichen
Fernsichten, die botanische Vielfalt und die geschichtlichen
Überlieferungen. Mein Vater stammt aus einer
Schäferfamilie, da liegt das Wandern im Blut. Mit meiner
Schulklasse kam ich 1910 das erste mal auf den Rennsteig. Schon als
Lehrling bin ich sonntags mit den Kameraden gewandert, das ging nur
Stück für Stück, denn Urlaub gab es in den vier Jahren
Lehrzeit nicht einen Tag. Wenn ein Feiertag dazu kam, haben wir
mit einer Decke im Wald übernachtet. Früh, wenn die
Hähne krähten, ging´s dann gleich weiter, um noch
etwas zu schaffen.

Kurt Ost 1915 und 1999
Als dann nach der Wende die Grenze wegkam, bin ich mit
fünfundneunzig Jahren endlich die ganzen 168 km gelaufen, in
neun Tagen. Zum hundertsten Geburtstag haben sie mir die
Rennsteig-Medaille in Gold gegeben. Im selben Jahr bin ich beim
Rennsteig-Lauf die 15 km gewandert.
Mit einundneunzig Jahren bin ich noch im Hohenwarte-Stausee die
Seemeile mitgeschwommen und habe gewonnen, der
Nächstälteste in meiner Altersklasse war
fünfunddreißig Jahre jünger als ich.
Vor ein paar Jahren bin ich nach Griechenland gereist. In meiner
Jugend habe ich viel über die alten Griechen, die Römer und
Phönizier gelesen, und es war mein Jugendtraum, das alles einmal
zu sehen. Da bin ich in ein Reisebüro und habe einfach gebucht.
Der Blumenstrauß am Flughafen war eine Überraschung, sie
hatten wohl gemerkt, dass ich hundert war. Letztes Jahr reiste ich
mit älteren Leuten nach Sizilien. Am Etna sind wir bis an die
Schneegrenze, das war ein Erlebnis!
Mit hundert war ich noch jung, aber jetzt machen die Knochen nicht mehr so richtig mit, und die Luft fehlt. Ich werde langsam alt.

