Pressestimmen
Der Berg über der Stadt

Der Berg über der Stadt - Fotografien und Texte rund um den Ettersberg

Der Berg über der Stadt
zwischen Goethe und Buchenwald

Manchmal lässt mich der Berg nicht schlafen
Thüringer Landeszeitung, 15.03.2003
Gespräch mit dem Weimarer Schriftsteller Wulf Kirsten (Interview: Frank Quillitzsch)

…Um den Text zu Harald Wenzel-Orfs Fotoband zu schreiben, sind Sie dann zu Fuß aufgebrochen. Was hat Sie stärker geleitet - die Neugier oder die Erfahrung "Man sieht nur, was man weiß"?

Die Idee, diesen Berg zu erfassen, zunächst fotografisch, hatte Harald Wenzel-Orf, der auch schon lange in Weimar lebt und eng mit der Stadt verbunden ist. Er hat seit dem Beginn der 90er Jahre ganz allein versucht, die Geschichtsspuren des Berges aufzunehmen. Vor allem in jenem Gelände, wo sich jahrzehntelang Militär befunden hat - erst die Deutschen, dann ganz kurze Zeit die Panzergarnison der Sowjetarmee. Harald Wenzel-Orf hat mich dazu gebracht, dass ich ab 1999 an seinen Exkursionen teilgenommen habe und mit ihm in den verfallenen Kasernen herum gekrochen bin. Ich habe nach diesen Ausflügen, Exkursionen, Erkundungsgängen Protokolle geschrieben, die ich später bearbeitet habe…

Sie waren mehrmals in Begleitung des Fotografen unterwegs. Was schätzen Sie besonders an seiner Art der Betrachtung ?

Die Ausdauer. Harald Wenzel-Orf ist zehn Jahre lang mit der Kamera auf dem Berg unterwegs gewesen. Er hat oft nicht das richtige Licht gehabt, das er brauchte. Und so ist er immer wieder hinauf - im Sommer, im Winter, zu allen Jahreszeiten, bei allen Wettern - um das Bestmögliche für seine Fotos herauszuholen. Die Ergebnisse beweisen, dass sich die Mühe gelohnt hat...

Harald Wenzel-Orf und Wulf Kirsten
Wulf Kirsten und Harald Wenzel-Orf (Foto: Peter Michaelis, TLZ)

Weltwort: Buchenwald
Neue Zürcher Zeitung, 19.06.03
Angelika Overath

…Und die sensible Korrespondenz von Bild und Text zeigt, wie hier Photograph und Dichter gemeinsam nach fremder Heimat suchen. Entstanden ist ein eindrückliches Buch über den Ettersberg, das zugleich eine kleine Schule über das Sehen und das mögliche Sichtbarmachen von Geschichte ist…

Musensitz und Topografie des Schreckens: der Ettersberg
Auszüge aus: Zwischenwelt, Wien, 20.Jg. Nr. 4, März 2004
Arnold Klaffenböck

Was wäre Weimar heute ohne Buchenwald ? Eine Frage, die provokant klingt und nicht minder verstörend wirkt wie der aberwitzige Umstand, dass die Nationalsozialisten das Konzentrationslager gerade auf dem mit Goethe in Verbindung stehenden Ettersberg errichteten…
Diese Geschichte, das wird in diesem Band ersichtlich, verfügt über eine Kraft, mit der sie noch vom Müllplatz aus Menschen ins Gewissen ruft und in die Pflicht nimmt, sich auf sie einzulassen und sie zutage zu fördern. Ein notwendiges und lohnendes Unterfangen, wie das Buch bestätigt, dessen qualitätvolle Ausstattung den Umgang mit dem Thema erleichtert. Die exzellent reproduzierten, durchgängig in Schwarzweiß gehaltenen Fotografien bezwingen den Betrachter…Wenn von einer Asthetik des Schreckens gesprochen werden kann, dann hier. Die Aufnahmen aus dem Lager wirken ansprechend und abstoßend zugleich, die verschneiten Details unterbinden wegen ihrer Präzision, mit der das Objektiv Zaunpfähle und Stacheldraht konturiert hat, die unangemessene Assoziation, die sich bei flüchtiger Betrachtung vielleicht noch einstellen mag, Buchenwald könne auch ein Wintermärchen sein. Der gefrorene Niederschlag des Winters betätigt sich zwar als Weichzeichner, der einem Stapel verrottteter Eisenbahnschwellen stilllebenhafte Züge verleiht, die optische Schärfe verstärkt aber gleichzeitig die Kälte und das Tödliche, ebenso wie der Nebel, aus dem schemenhaft Wachtürme starren…
Dem Objektiv bleibt nichts verborgen, weder das Tageslicht, das sich in den blank geputzten Fliesen spiegelt, noch die unzähligen Kratzer, die ahnen lassen, welch blutiger Schrecken hier geherrscht haben muss…Die Fotos erlauben assoziative Zugänge und Querverbindungen, panoramatische Übersichten wechseln mit fokussierten Ausschnitten einer zeichenhaften und berückenden Landschaft. Selbst dort, wo manche Abbildungen wie der vom Reif überzogene Zweig des Hagebuttenstrauches oder die knorrige Bauminsel vor düsterem Himmel herbe Schönheit verströmen oder versöhnlich wirken, bei allem Trost und friedlicher Stille bleibt konsequent die gefangennehmende Stimmung erhalten, die zum Innehalten auffordert. Andere Bilder stören bewusst die sich einstellende Poesie und Kontemplativität und rufen sogleich wieder in die widersprüchliche Realität Weimars zurück…

Der Fremdkörper
Sächsische Zeitung, 17.05.03
Rainer Kasselt

…Die Idee zu dem Buch hatte der Fotograf Harald Wenzel-Orf. Er begann 1992, nach dem Abzug der Roten Armee, den Berg mit der Kamera zu umkreisen. Seine Foto-Exkursionen verstehen sich als Spurensuche in dieser geschichtsbelasteten Region. Die Erkundungen beziehen die Zeit nach 1945 mit ein, als auf dem Gelände des KZ Buchenwald ein sowjetisches Speziallager entstand. Sein Großvater war dort interniert. Es war Wenzel-Orfs Absicht, die Symbolik und Doppeldeutigkeit des Ortes zu zeigen. Das ist ihm in sensiblen, mahnenden und beinahe scheuen Bildern gelungen…

Der Berg über der Stadt
Ostthüringer Zeitung, 05.04.03
Annerose Kirchner

…Dieses Gelände kennt auch der Fotograf Harald Wenzel-Orf, den es seit 1991 auf den Berg zieht. Ein geplantes Fotoprojekt führte Schriftsteller und Fotograf zu gemeinsamen Exkursionen. Während der Wenzel-Orf das Vorgefundene auf gestochen scharfe Schwarz-Weiß-Bilder bannt, die Schneisen über den Berg weit ins umliegende Land öffnen, protokolliert Kirsten die Exkursionen…. Texte und Bilder verbindet ein innerer Dialog. Die Aufnahmen, in den unterschiedlichsten Jahreszeiten entstanden, ordnen sich in sechs Kapitel … Sie sind künstlerische Zeitdokumente, frei von Emotionen und stark in der Symbolik. Deshalb ziehen sie den Betrachter in den Bann. Da sind die Holzkreuze auf dem Gedenkfriedhof für die Totoen des sowjetischen Speziallagers, ein Schattenriss im Schnee das Krematorium des KZ Buchenwald, geheimnisvolle Signaturen in kyrillischer Schrift in Baumstämme geritzt, der letzte Speiseplan für die russischen Soldaten, Herders Ruh´an der Kasernenmauer…