|
Begegnungen mit
den ältesten Deutschen
Vorwort von Harald Wenzel-Orf
Die Idee entstand 1999, bei den Medien kam das Thema "Hundertjährige"
angesichts des bevorstehenden Milleniums gerade in Mode. Schon
bei den ersten Erkundigungen konnte ich bemerken, dass eine große
Unkenntnis über die älteste lebende Generation besteht:
Wie alt wird man hierzulande? Wie lebt man mit über hundert
Jahren? Wo sind sie zu finden? Darüber gibt es keine Statistik,
keine Rekordliste der Langlebigkeit.
Ich wandte mich an die Stellen, von denen Glückwünsche
zu Altersjubiläen versendet werden: dem Büro des Bundespräsidenten,
den Saatskanzleien der Länder, Städte- und Gemeindeverwaltungen.
Weil der Datenschutz gewahrt werden musste, wurden die Recherchen
dennoch zu einer aufwendigen Arbeit. Am Ende war immer noch die
Zustimmung der Ältesten einzuholen.
| |
 |
|
| |
Buchpräsentation mit Überhundertjährigen
in Weimar, 2000. |
|
Ein Jahr lang reiste ich mit meiner Assistentin in verschiedenste
Gegenden Deutschlands, von Kiel bis Berchtesgaden. Martina Stanscheck
möchte ich für die Mitarbeit besonders danken!
Mein Bestreben war, alle Bundesländer zu berücksichtigen,
einen Querschnitt durch die sozialen Schichten zu zeigen und die
von politischen Ereignissen besonders Betroffenen einzubeziehen.
So findet man das Schicksal von Wolgadeutschen und Berliner Juden,
von Kriegswitwen und Vertriebenen aus den Ostgebieten. Aber auch
ein anderer Aspekt war für die Auswahl von Bedeutung: die
Vitalität mancher Hundertjähriger, ihr Umgang mit den
Problemen des Alterns. Und da gab es Erstaunliches!
Als wir den 103jährigen Buchdrucker und Rennsteigwanderer
Kurt Ost in Saalfeld aufsuchen wollten, fanden wir einen braungebrannten
Herrn, der Zeitung lesend in Shorts auf der Terrasse saß
und fragten ihn nach dem alten Ost. Er war es selbst!
Die 107jährige Irene Mergelsberg begrüßte uns:
"Möchten Sie einen Sherry mit mir trinken?" Und
sie raucht noch immer täglich ihre drei Zigaretten.
Auguste Unger ließ uns einige Wochen warten, bis wir sie
besuchen durften, sie hatte vor ihrem 106.Geburtstag noch zu viele
Termine. Jetzt verfasst sie handschriftlich ihre Biografie.
Zu Dr.Köhler, dem ältesten Münchner, reisten wir
in höchster Eile, weil er am nächsten Tag in Urlaub
fahren wollte.
Wir machten immer wieder eine Erfahrung: Man begegnet einem alten
Menschen in seiner Hinfälligkeit, gezeichnet von Altersbeschwerden,
aber im Laufe des Gespräches wird er immer jünger. Die
Bilder werden lebendig, wie er sich vor achtzig Jahren beim Tanz
verliebt hat oder wie er nach überstandenem Krieg aus der
Heimat vertrieben wurde. Manchmal hat man gerührt eine Hand
gestreichelt und die Tränen versteckt. Nach solchen Gesprächen
waren dann auch intensive Porträtaufnahmen möglich.
In Erinnerung geblieben sind auch lustige Begegnungen und wir
haben mit manchen viel gelacht. Angst vor dem Tod hatten sie schon
längst nicht mehr.
Das schönste Kompliment für uns war die Bitte, doch
bald wiederzukommen. Auf 50 Kasetten sind die Gespräche aufgezeichnet,
die Texte im Buch geben weitgehend den Originalton wieder.
Wir haben Menschen kennengelernt, die für "unsere"
Alten immer da sind: Verwandte, Bekannte oder Pflegepersonal.
Ihnen möchte ich meine Bewunderung ausdrücken! Ich danke
den vielen Helfern, die zum Gelingen des Projektes beigetragen
haben!
Mein besonderer Dank aber gilt denen, ohne die das Buch nicht
entstanden wäre: den ältesten Deutschen!
|
|